Für mich oder für andere?

Für mich selbst oder für andere?

Schreibe ich für mich selbst oder für andere? Das ist die wichtigste Frage beim biografischen Schreiben.

Biografiearbeit oder Leserorientierung

»Für mich selbst« heißt: Ich schreibe in erster Linie, um mehr von mir selbst zu erfahren. Ich betreibe »Biografiearbeit«, um mich meiner Identität zu vergewissern, um Ressourcen zu entdecken, die mir auch bei der Bewältigung gegenwärtiger Schwierigkeiten und Herausforderungen helfen können. Schreibt man nicht aus lebenslänglicher Praxis — zum Beispiel Tagebuch –, entsteht die Wendung zum biografischen Schreiben oft in einer Lebenskrise. Auch und gerade das Älterwerden, dem man sich früher oder später bewusst wird, kann ein Anlass dafür sein, sich schreibend dem eigenen Leben zuzuwenden.

Oder schreibe ich »für andere«? Für Kinder, Enkel, Freunde, weil sie nachgefragt haben oder aus dem Wunsch heraus, ihnen etwas zu schenken, zu hinterlassen. Auch wer im Hinblick auf einen zunächst unbekannten Leserkreis schreibt, seine Memoiren oder seine Autobiografie veröffentlichen möchte, schreibt für andere. Aus dem Wunsch heraus, gelesen zu werden. So wird das eigene Leben womöglich zum Stoff, an dem die eigenen Schreibkünste sich zeigen können. Oder der Schreibende wünscht sich Anerkennung für das Leben selbst, für seine Lebensleistung als Künstler, Unternehmer, Vater, Partnerin.

Motive wandeln sich

Alle diese Motive sind legitim und richtig. Im Verlaufe des Schreibens können sie sich wandeln und oft tun sie es. Wer von seinen Enkeln gefragt wurde, ob er die amüsanten Geschichten nicht aufschreiben könne, die er erzählt, entdeckt beim Schreiben das »therapeutische Potential« dieser Beschäftigung — und schreibt dann auch über belastende, schwierige Erlebnisse, die er nie erzählte. Oder anders: Die Teilnehmerin einer Schreibwerkstatt entdeckt mehr Talent in sich, als sie vermutet hätte, und entwickelt nach und nach den Ehrgeiz, ihre Texte auch zu veröffentlichen.

Enttäuschungen vermeiden

Warum ist die Frage aber so wichtig? Warum kann man nicht einfach losschreiben, ohne diese Frage für sich — wenn auch vorläufig — zu beantworten? Weil man sonst die falschen Wege einschlägt und Enttäuschungen riskiert. Wer für sich selbst schreibt, wäre zum Beispiel in einem literarisch orientierten Schreibkreis falsch aufgehoben. Ihm oder ihr geht es um Sinnfragen und persönlichen Anliegen, die in wertschätzender, weitgehend kritikfreier Atmosphäre ausgetauscht werden sollten. Der Aufbau und die sprachliche Kraft der Geschichten treten zurück gegenüber ihrem Inhalt. Die Arbeit am offenen Herzen der eigenen Identität verlangt Behutsamkeit.

Wer dagegen für andere schreibt, braucht das kritische Feedback von Zuhörern und Lesern, um seine schriftstellerischen Fähigkeiten zu entwickeln. »Kritisch« heißt nicht, dass die Wertschätzung fehlten sollte, sondern dass Defizite auch benannt werden müssen, wenn man aus ihnen lernen möchte. Denn hier geht es um den Text, nicht um das beschriebene Leben. Man könnte den literarisch korrekten Ausdruck »autobiografisches Schreiben« verwenden, um auf diesen Unterschied hinzuweisen. (Und »biografisches Schreiben«, sofern es als Methode der Biografiearbeiten verstanden wird.)

Schreiben wird leichter, wenn man weiß wofür

In jedem Schreibseminar finden sich Teilnehmer mit unterschiedlichen Motivationslagen. Die einen möchten oft mehr Zeit für sich und ihre Texte, die anderen fragen nach »handwerklichen« Tipps, wie man etwa besonders spannend schreibt. Wer weiß, was ihn selbst antreibt, ob er (oder sie) für sich oder für andere schreibt, belastet sich nicht mit falschen Ansprüchen. Wie jede komplexe und langwierige Tätigkeit geht auch das Schreiben besser von der Hand, wenn man das Ziel klar vor Augen hat. Und man kann sich genau die Hilfen organisieren, die man braucht.