100 Jahre Richard Behr & Co.

In diesen Tagen, genauer am 30. Juni 2017, jährte sich die Gründung des Hamburger Unternehmens Richard Behr & Co. zum hundertsten Mal. Zu diesem Anlass erschien eine Firmengeschichte von Rohnstock Biografien, an der ich mitarbeiten durfte. Ich war für Recherche, Interviews, Gliederung und die „Dramaturgie“… Weiterlesen

Neue Website: biografika

Letzte Woche ging meine neue Website online: biografika — Magazin für Lebensgeschichten und biografisches Schreiben Die Idee von biografika ist es, fundierte Schreibanregungen zum biografischen Schreiben (Schreibideen, Schreibimpulse) mit (auto)biografischen Texten zusammenzubringen. Denn im Feld des Autobiografischen gilt (wie bei Romanen und der Lyrik): Wer… Weiterlesen

Autobiografische Fotografie

Am Wochenende hatte ich die Chance, an einem Seminar zum autobiografischen Fotografieren mit der Fotografin, Soziologin und Expertin für „digital storytelling“ Sabine Felber teilzunehmen. Eine Autobiografie — das ist zunächst eine literarische Gattung, eine bestimmte Art von Buch, doch wenn man auf die Produktionsseite achtet, auf das autobiografische Schreiben und die Motivation für dieses Schreiben, handelt es sich um eine mögliche Form des Ausdrucks einer Persönlichkeit. Ein Mensch bedenkt sich und zeigt, was er von seinem Leben teilen möchte. So gesehen gibt es keine scharfe Grenze zwischen dem Schreiben von Lebenserinnerungen einerseits und dem Malen, dem Fotografieren, dem Aufzeichnen mündlicher Erzählungen, dem Filmen  und so weiter. Der Inhalt ist autobiografisch (wenn man das gráphein nicht eng mit „schreiben“, sondern weit mit „beschreiben“, „ausdrücken“, „darstellen“ übersetzt) — die Ausdrucksform kann ganz verschieden sein.

Bei diesem Seminar gingen wir in  Schritten vor:

  • Wir erzählten eine Geschichte, die für unser Leben bedeutsam war und ist.
  • Wir gingen schriftlich damit um, isolierten wichtige Begriffe.
  • Wir fotografierten Objekte, Menschen, Situationen, Kunstwerke — was auch immer für uns in Beziehung zu jenen Begriffen stand, sie zugleich interpretierte, mit Gefühlen auflud.
  • Wir stellten das Material auf einer Stellwand zusammen.

Außerdem beschäftigten wir uns mit Portraits und Selbstportraits. Sabine Felber stellte dafür nicht nur das technische Equipment, sondern auch ihre Geduld und sich selbst als „Assistentin“ zur Verfügung. Auf diese Weise wurde die Technik (das Fotografieren und Bearbeiten der Fotos) nicht zum Hindernis, sondern zu einem Hilfsmittel für den Selbst-Ausdruck.

Gewöhnliche Kaffeetafel

Der Umgang mit Fotografien ist direkter und verlangt weniger Vorlauf als das Schreiben — damit eignet es sich als Methode für einen großen Personenkreis, auch für Menschen mit einer anderen Muttersprache oder eingeschränkter formaler Bildung. Fotos zu „schießen“ und damit kreativ umzugehen, scheint auch weniger angstbesetzt zu sein als das Schreiben (dem, so lernen wir in der Schule, stets die Korrektur folgt). Was man dafür aufgibt, sind die gewohnten narrativen Strukturen und damit auch die Kontrolle über das, was wir über uns mitteilen. Bilder sind nicht kodifiziert wie Sätze, sie können nicht im Lexikon nachgeschlagen werden. Das macht sie grundsätzlich vieldeutig.  Das autobiografische Fotografieren steht der (modernen) Lyrik daher näher als der Prosa.

Sabine Felber erzählte von ihrer Arbeit mit Migrantinnen und Hauptschülern, beides Gruppen, die Schwierigkeiten mit der herrschenden Bildungssprache haben — und sich doch wie alle danach sehnen, ihr Selbst und ihr Leben auszudrücken. Damit man ihnen zuhört, sie versteht.

Mit mehr Zeit hätten wir noch weiter experimentieren können: Eine Tonaufnahme anfertigen, Musik aufnehmen, Bilder (vielleicht auch kurze Filmsequenzen) in eine zeitliche Ordnung bringen und alles in einem autobiografischen Video zusammenfassen. Statt dessen „begnügten“ wir uns mit dem Arrangieren  von Fotos, Wörtern, „roten Fäden“ und diversen Objekten auf einer Stellwand. Wir schritten staunend durch unsere Mini-Ausstellung und schlossen den Kreis zum Anfang des Seminars, an dem uns Sabine Felber die Künstlerin Hannah Höch und ihre autobiografischen Collagen vorgestellt hatte.

Wen das alles neugierig gemacht hat, dem empfehle ich, sich die äußerst sehens- und lesenswerte Website(n) von Sabine Felber anzusehen: http://www.sabinefelber.de und vor allem: http://www.see-the-story.de/ .

P.S.: Sabine Felbers Ansatz fürs „digitale Geschichtenerzählen“ geht auf den Amerikaner Joe Lambert zurück, der das Center for Digital Storytelling (heute: StoryCenter) gründete. Hier eine kurze Zusammenfassung seiner Methode auf englisch (mit Beispielen).

P.P.S.: Das obige Foto ist auf diesem Wochenende entstanden. Es hat tatsächlich etwas mit meinem Leben zu tun.

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Das Puzzle der Erinnerung

Puzzle

Die einzelnen Teile unserer Erinnerung sind nicht chronologisch geordnet. Bei manchen Geschichten kommt es jedoch darauf an, den Ablauf der Ereignisse minutiös darzustellen. Sonst verliert sich die Glaubwürdigkeit im Vagen.

Gerade schreibe ich eine solche Geschichte, und ich finde es faszinierend, wie sich die Puzzleteile manchmal erst auf dem Papier zusammen fügen. Das geht so: Ich schreibe eine erste Version, nach dem gesprochenen Wort, und füge Fragen ein, wo mir der Zusammenhang nicht ganz einleuchtet oder wo ich Ergänzungen erwarte. Diese Lücken füllt der Erzähler aber oft nicht einfach auf. Vielmehr wird bei der Durchsicht klar, dass meine Rekonstruktion der Ereignisse nicht dem entspricht, was der Erzähler im Sinn hatte. Aus dem Gesagten und wortwörtlich Niedergeschriebenen habe ich Schlüsse gezogen, die eine sinnvolle Geschichte ergeben. Nur eben nicht die wahre.

Jetzt muss neu geordnet werden, chronologisch und sachlich. Einerseits ärgerlich, denn das Ordnen braucht Zeit und Geduld. Andererseits wunderbar, denn ohne meine falsche Hypothese über den Ablauf der Dinge wäre es zu keiner Präzisierung gekommen. Auch der Erzähler wäre bei einer irreführenden Version geblieben, die sich allmählich verfestigt hätte. Meine Fragen – und vor allem die Formulierung der Geschichte – ermöglichte es dem Erzähler also, das eigene Leben präziser zu fassen und zu verstehen.

Und auch das kommt vor: Beim Nachdenken über das Erzählte, ziehe ich Schlüsse, die sich als sachlich richtig erweisen. Ich fülle die Lücken, nicht aus der Erinnerung (die mir nicht zur Verfügung steht), sondern aus dem Denken (das für uns alle gemeinsam möglich ist und auf gemeinsamen Erfahrungen basiert). So lassen sich, in der Zusammenarbeit zwischen dem Erzähler und dem Biografen, die Funktionen und Elemente trennen, die im mündlichen Erzählen stets zusammenfließen: das eigentliche Erinnern und das Konstruieren einer Geschichte, die lebendigen Bilder und die Logik einer Handlung.

Wer seine Lebensgeschichte aufschreiben lässt, lässt sich darauf ein, das Puzzle der Erinnerung mit mir gemeinsam zu spielen. Das ist für beide Seiten spannend und überraschend, manchmal auch lustig – und gelegentlich ganz schön tiefsinnig.

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