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Autobiografische Fotografie

Am Wochenende hatte ich die Chance, an einem Seminar zum autobiografischen Fotografieren mit der Fotografin, Soziologin und Expertin für „digital storytelling“ Sabine Felber teilzunehmen. Eine Autobiografie — das ist zunächst eine literarische Gattung, eine bestimmte Art von Buch, doch wenn man auf die Produktionsseite achtet, auf das autobiografische Schreiben und die Motivation für dieses Schreiben, handelt es sich um eine mögliche Form des Ausdrucks einer Persönlichkeit. Ein Mensch bedenkt sich und zeigt, was er von seinem Leben teilen möchte. So gesehen gibt es keine scharfe Grenze zwischen dem Schreiben von Lebenserinnerungen einerseits und dem Malen, dem Fotografieren, dem Aufzeichnen mündlicher Erzählungen, dem Filmen  und so weiter. Der Inhalt ist autobiografisch (wenn man das gráphein nicht eng mit „schreiben“, sondern weit mit „beschreiben“, „ausdrücken“, „darstellen“ übersetzt) — die Ausdrucksform kann ganz verschieden sein.

Bei diesem Seminar gingen wir in  Schritten vor:

  • Wir erzählten eine Geschichte, die für unser Leben bedeutsam war und ist.
  • Wir gingen schriftlich damit um, isolierten wichtige Begriffe.
  • Wir fotografierten Objekte, Menschen, Situationen, Kunstwerke — was auch immer für uns in Beziehung zu jenen Begriffen stand, sie zugleich interpretierte, mit Gefühlen auflud.
  • Wir stellten das Material auf einer Stellwand zusammen.

Außerdem beschäftigten wir uns mit Portraits und Selbstportraits. Sabine Felber stellte dafür nicht nur das technische Equipment, sondern auch ihre Geduld und sich selbst als „Assistentin“ zur Verfügung. Auf diese Weise wurde die Technik (das Fotografieren und Bearbeiten der Fotos) nicht zum Hindernis, sondern zu einem Hilfsmittel für den Selbst-Ausdruck.

Gewöhnliche Kaffeetafel

Der Umgang mit Fotografien ist direkter und verlangt weniger Vorlauf als das Schreiben — damit eignet es sich als Methode für einen großen Personenkreis, auch für Menschen mit einer anderen Muttersprache oder eingeschränkter formaler Bildung. Fotos zu „schießen“ und damit kreativ umzugehen, scheint auch weniger angstbesetzt zu sein als das Schreiben (dem, so lernen wir in der Schule, stets die Korrektur folgt). Was man dafür aufgibt, sind die gewohnten narrativen Strukturen und damit auch die Kontrolle über das, was wir über uns mitteilen. Bilder sind nicht kodifiziert wie Sätze, sie können nicht im Lexikon nachgeschlagen werden. Das macht sie grundsätzlich vieldeutig.  Das autobiografische Fotografieren steht der (modernen) Lyrik daher näher als der Prosa.

Sabine Felber erzählte von ihrer Arbeit mit Migrantinnen und Hauptschülern, beides Gruppen, die Schwierigkeiten mit der herrschenden Bildungssprache haben — und sich doch wie alle danach sehnen, ihr Selbst und ihr Leben auszudrücken. Damit man ihnen zuhört, sie versteht.

Mit mehr Zeit hätten wir noch weiter experimentieren können: Eine Tonaufnahme anfertigen, Musik aufnehmen, Bilder (vielleicht auch kurze Filmsequenzen) in eine zeitliche Ordnung bringen und alles in einem autobiografischen Video zusammenfassen. Statt dessen „begnügten“ wir uns mit dem Arrangieren  von Fotos, Wörtern, „roten Fäden“ und diversen Objekten auf einer Stellwand. Wir schritten staunend durch unsere Mini-Ausstellung und schlossen den Kreis zum Anfang des Seminars, an dem uns Sabine Felber die Künstlerin Hannah Höch und ihre autobiografischen Collagen vorgestellt hatte.

Wen das alles neugierig gemacht hat, dem empfehle ich, sich die äußerst sehens- und lesenswerte Website(n) von Sabine Felber anzusehen: http://www.sabinefelber.de und vor allem: http://www.see-the-story.de/ .

P.S.: Sabine Felbers Ansatz fürs „digitale Geschichtenerzählen“ geht auf den Amerikaner Joe Lambert zurück, der das Center for Digital Storytelling (heute: StoryCenter) gründete. Hier eine kurze Zusammenfassung seiner Methode auf englisch (mit Beispielen).

P.P.S.: Das obige Foto ist auf diesem Wochenende entstanden. Es hat tatsächlich etwas mit meinem Leben zu tun.



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