Ghostwriting aus Sicht eines „Ghostwriters“

Eigentlich bin ich kein »Ghostwriter«. Weiter unten werde ich erklären, warum nicht. Doch wenn sich ein Wort erst einmal eingebürgert hat, muss man es benutzen, um sich verständlich zu machen. Man kann nicht einfach ein neues erfinden. Man könnte schon, doch dann müsste man lange durchhalten und viel Werbung dafür machen. Was ich damit meine? Auch das werde ich erklären. Aber erst einmal nehme ich Anlauf und tauche in die Geschichte des »Ghostwriting« ein. Kommen Sie mit?

Ghostwriter gab es (fast) schon immer

Bis zum 18. Jahrhundert schrieben nur sehr wenige Menschen Ihre Memoiren oder Autobiografien. Meistens waren es Geistliche oder Gelehrte, die das Schreiben von Berufs wegen gewohnt waren. Als dann die britischen Seefahrer die Weltmeere eroberten und Kolonien gründeten, wurden Abenteuergeschichten gedruckt. Manche (mehr oder weniger) selbst erlebt, manche erfunden wie »Robinson Crusoe« von Daniel Defoe. Inzwischen war der Buchdruck so weit, dass sie einigermaßen günstig unters Volk gebracht wurden. Und viele Leser waren neugierig, was man in der scheinbar größer werdenden Welt alles erleben konnte. Mit anderen Worten: Selbst erlebte Geschichten wurden zum Geschäft. Der Beruf des »Ghostwriters« entstand.

Viele Abenteurer hatten Spannendes zu berichten hatten (oder sponnen schönes Seemannsgarn), waren aber eher in der Nautik als der Grammatik bewandert. Darum engagierten sie (oder ihre Verlage) Schreiber, die das mündlich vorgetragene in flüssige Schriftsprache übersetzten. (Auch Goethe hatte bekanntlich einen Schreiber, der seine Diktate entgegen nahm. Doch das war nur ein Zwischenschritt im Schaffensprozess.)

In England und den USA wurden auch die »Abenteuer« von Kriminellen populär. Eine frühe Form der heutigen »True-Crime«-Bücher. Häftlingen fehlte jedoch die Fähigkeit und bedauerlicherweise auch die Zeit, ihre Erinnerungen selbst zu schreiben. (Ben Yagoda berichtet darüber in seiner Geschichte des Memoir.) Also gab es Schreiber (meist Journalisten), die ihnen die »Beichte abnahmen« und in kurzer Zeit Verlage beliefern konnten. Manchmal noch vor der Hinrichtung.

Mann/Frau von der Straße und Filmstars

Über die Jahrzehnte bildete sich vor allem im demokratisch gesinnten Amerika eine neue Haltung heraus. Es sollte nicht mehr allein Menschen einer bestimmten Herkunft oder eines bestimmten Standes vorbehalten sein, ihre Lebensgeschichte zu veröffentlichen. Zum Gemeinwesen tragen alle bei, also können prinzipiell alle beispielhaft sein. Die Stimme eines jeden ist wichtig. Auch die von Menschen, die Hilfe benötigen, um sich schriftlich angemessen und erfolgreich mitzuteilen.Sobald sich Leser also für Lebensgeschichten von Menschen interessierten, die nicht zum Kreis der Gelehrten gehörten, entstand ein Bedarf nach »Ghostwritern«.

Rose Wilder Lane (Ghostwriter): Chaplin-Autobiografie

Chaplin-Autobiografie „as told to“ (wie sie erzählt wurde) Rose Wilder Lane

Anfang des 20. Jahrhunderts kam es außerdem zu einer gegenläufigen Tendenz: Prominenten-Autobiografien, allen voran die Erinnerungen von Filmstars, stießen auf rege Nachfrage. Charlie Chaplin veröffentlichte gleich mehrere Memoirs, die erste im Alter von 27 Jahren. Darin dankte er seinem Ghostwriter (oder der „Ghostwriterin„?) Rose Wilder Lane ausdrücklich für ihre »Assistenz«. Die Geister, die schrieben, blieben also nicht immer im Verborgenen. Der Ausdruck »Ghost«, der in den 1880er Jahren aufgekommen war, passte von vornherein nicht richtig.

Eine sehr spezielle Dienstleistung

Bei der Firma Rohnstock Biografien, mit der ich zusammenarbeite, gibt es keine Ghostwriter, sondern Autobiografiker. Dieser neue Begriff beschreibt die Dienstleistung passender, ohne dass dieser etwas Geisterhaftes angeheftet wird.

Es geht darum, Menschen zu einem autobiografischen Werk (einer Darstellung des gesamten Lebens oder bestimmter Aspekte davon) zu verhelfen, denen es an Schreiberfahrung fehlt oder die aus Zeitgründen nicht dazu in der Lage sind. Autobiografiker sind darauf spezialisiert, sich ihren Kund*innen nicht allein inhaltlich, sondern auch stilistisch und im Hinblick auf das Motiv anzuverwandeln. Die jeweiligen Erzähler*innen ihres Lebens behalten die volle Kontrolle über ihr Werk. Das macht sie zu Autoren und Autorinnen, ohne das sie tatsächlich schreiben müssen.

So entfällt das Versteckspiel, das im Begriff des Ghostwritern anklingt. Wer eine/n Autobiografiker*in engagiert, muss nicht so tun, als hätte er es selbst geschrieben. Denn was dort steht, entspricht ihm ja tatsächlich. Ohne sein Zutun im Erzählen und durch Rückmeldungen wäre das Buch nicht entstanden. Er oder sie erzählt von seinem Leben, ohne behaupten zu müssen, seine Geschichte ohne fremde Hilfe in Buchform gebracht zu haben.

Autobiografiker sind keine Biografen, da sie nicht von außen auf ein Leben schauen, sondern die Innensicht vom Mündlichen ins Schriftliche übertragen. (Trotzdem nenne ich mich häufig Biograf, denn das ist ein weiterer bekannter Begriff. Für die Bezeichnung »Autobiografiker« hat Rohnstock Biografien zwar schon einige Werbung gemacht, doch er ist noch weit davon entfernt, allgemein gebräuchlich zu sein.)

Die Ghostwriter, die ich rief

Bei den meisten Dienstleistungen ist es völlig unproblematisch, diejenigen im Dunkel zu lassen, die die Arbeit tun. Man tut es nur dann nicht, wenn die Zusammenarbeit selbst mit einer gewissen Aufwertung verbunden ist. Wenn man es sich zum Beispiel leisten kann, McKinsey zu engagieren.

Redenschreiber werden in der Rede nicht erwähnt. Auch Texter für Homepages schreiben ihren Namen nicht ans Ende der Seite. Jedes Medium hat seine eigenen Regeln. Wenn der Ghostwriter Biograf Autobiografiker im Buch jedoch nirgends erwähnt wird, weder auf dem Titel noch im Impressum, im Vorwort oder bei den Dankesworten, dann kann das keine praktischen Gründe haben. Platz ist genug. Und es gibt genügend Möglichkeiten, die Art der Mitarbeit zu umschreiben. »Bearbeitet von …«, »aufgeschrieben von …« lauten gängige Formulierungen. Fair ist auch die Anerkennung als Ko-Autor auf dem Titel oder das schlichte »mit …«.

Wenn all das unterbleibt (was selten vorkommt), liegt die Vermutung nahe, das der Autor und Protagonist nicht nur von sich erzählen, sondern indirekt auch das Prestige des Bücherschreibens für sich in Anspruch nehmen möchte. Im Text, mit er/sie sich als Gast einer Talkshow vorstellen lassen würde, stünde dann nicht nur »Weltrekordhalter« oder »Unternehmer«, sondern zusätzlich »Buchautor«.

Das ist noch kein Betrug, doch natürlich wird im Leser der falsche Eindruck erweckt. Und das ist nirgends weniger angebracht als in einer Autobiografie — die mit Wahrhaftigkeit geschrieben sein sollte.

Wer betrügt?

Betrug liegt vor, wenn es tatsächlich um die Fähigkeiten geht, ein Buch zu schreiben. Zum Beispiel eine Doktorarbeit. Wer bei Google das Suchwort »Ghostwriter« eingibt, findet erschreckend viele Angebote zum sogenannten »akademischen Ghostwriting«. Vermittelt durch Agenturen und damit tatsächlich anonym schreiben Ghostwriter Arbeiten, die eigentlich der Qualifizierung Studierender dienen sollten. Wer solche Arbeiten einreicht (vor allem eine Dissertation), muss bestätigen, dass er sie selbst geschrieben hat. Wenn das nicht stimmt, begeht er/sie Betrug. Und der »akademische Ghostwriter« macht sich mitschuldig.

Autobiografiker, Biograf, Ghostwriter

Wenn ich mich trotz allem gelegentlich als Ghostwriter bezeichne (auch auf diesen Internetseiten), liegt es am Mangel an besseren Wörtern. »Autobiografiker« ist (noch) zu unbekannt, »Biografen« schreiben in der Regel Biografien in der dritten Person. Ich verwende die Bezeichnung immer dann, wenn es um Verlagsbücher geht. Für alles andere, das Schreiben, die Beratung, die Seminare, trifft es die Sache wohl am besten, wenn ich mich einen Spezialisten für autobiografisches Schreiben nenne.