Was ist eine Autobiografie?

»Über das, was ich erlebt habe, könnte ich ein Buch schreiben« — wer das sagt (in der Regel zu Recht), hat meistens eine Autobiografie im Sinn, also eine erzählende Darstellung des eigenen Lebens. Was genau mit dieser knappen Definition gemeint ist, erläutere ich im Folgenden etwas ausführlicher. Dabei vergleiche ich die Autobiografie auch mit anderen Arten von Texten, die dem (auto)biografischen Schreiben zuzuordnen sind.

Wortbedeutung von »Autobiografie«

Das Wort »Autobiografie« (oder »Autobiographie«, diese Schreibungen sind nach dem Duden gleichberechtigt), kommt als »autobiography« oder »autobiographie« bedeutungsgleich im Englischen und Französischen vor. Es besteht aus den drei altgriechischen Worten »autós« = »selbst«, »bíos« = »Leben« und »gráphein« = »(be)schreiben«. Der Schriftsteller Jean Paul übersetzte es daher als »Selberlebensbeschreibung«. Heute hat sich allerdings das (internationale) Fremdwort durchsetzt.

Wer eine Autobiografie schreibt, berichtet also, mehr oder weniger ausführlich, von seinem eigenen Leben. Diese Selbst-Bezüglichkeit lässt sich durch eine Art Gleichung zum Ausdruck bringen:

Autor/in = Erzähler/in = Hauptperson/Hauptfigur

Der Autor oder die Autorin einer Autobiografie ist also zugleich der Erzähler/die Erzählerin (die »Stimme«, die über das Geschehene berichtet) und die wichtigste Person im Buch. (Natürlich kann auch auch über andere ausführlich berichtet werden, zum Beispiel über die eigenen Eltern oder wichtige Freunde.)

Zeit und Erinnerung

Die Identität zwischen Autor/in, Erzähler/in und Hauptfigur, die das Gleichheitszeichen anzeigt, ist jedoch nicht vollständig. Zwischen den dreien gibt es auch einen bedeutenden Unterschied, und der liegt im zeitliche Abstand. Eine Autobiografie wird im Rückblick geschrieben, anders als zum Beispiel ein Tagebuch oder ein Reise-Blog. Das schreibende Ich ist nicht mehr dasselbe wie das Ich zum Zeitpunkt jener Erlebnisse, es hat sich inzwischen verändert. Es schreibt (Gegenwart) wie es war (Vergangenheit). Das gilt umso mehr, je weiter die Zeit zurück liegt, über die berichtet wird, zum Beispiel bei Kindheitserzählungen. Zwischen den eigenen früheren Erlebnissen und dem heutigen Schreiben liegt das Erinnern und  Vergessen, liegen die Erzählungen Dritter, zum Beispiel der Eltern, liegen eine Menge Fotos und die Wertvorstellungen des heutigen Lebens.

Die Funktion des Erzählers

Der Erzähler oder die Erzählerin vermittelt zwischen diesen beiden Ich und damit zwischen den Zeiten. Er/sie kann dem Autor oder der Autorin näher stehen, wenn seine Stimme deutlich als eine heutige erscheint, zum Beispiel aktuelles Vokabular einfließt oder Kenntnisse über spätere Entwicklungen. Sie/er kann aber auch dem erzählten Ich näher stehen, wenn sie/er zum Beispiel der Vorstellungswelt des Kindes so nahe wie möglich kommen möchte.  Oftmals wechselt die Perspektive des Erzählers/der Erzählerin und wirkt einmal gegenwärtiger und erwachsener, einmal kindlicher oder sie steht irgendwo dazwischen.

Ein Mann zeigt sein Bild: Allegorie einer Autobiografie

Die Leitfrage einer Autobiografie

Weil eine Autobiografie, anders als etwa ein Memoir (siehe unten), das ganze Leben in den Blick nimmt, hat sie kein weiteres abgegrenztes Thema. Ihr Thema ist vielmehr die gesamte Persönlichkeit ihres Autors/ihrer Autorin. Die autobiografische Leitfrage lautet: »Wie bin ich zu dem geworden, der ich heute bin?« Alles, was hilft, diese Frage zu beantworten, hat in einer Autobiografie auch seine Berechtigung.

Wichtige Aspekte autobiografischen Erzählens

Um fremde Autobiografien zu verstehen und eigene Vorstellungen zu entwickeln, hilft es, sich die wichtigsten Aspekte anzusehen, unter denen sich Autobiografien unterscheiden können. Gemeint sind natürlich formale Unterschiede, in Hinsicht auf die Art, wie sich der Autor/die Autorin selbst zeigt und darstellt. Denn inhaltlich ist jede Autobiografie ganz verschiedenen von der anderen, so wie es auch das Leben ist.

Perspektive auf das eigene Leben

Manche Autoren von Autobiografien stellen ihr Leben tendenziell als Bildungs- oder Erfolgsgeschichte dar. Mit ihrem Schreiben präsentieren Sie ein gelungenes Leben, vielleicht sogar das Modell eines gelungenen Lebens. Eine solche Erzählung kann Weisheit transportieren, sie kann jedoch auch Züge von Hochmut oder Angeberei enthalten.

Andere neigen dazu, ihr Leben zu kritisieren und Gründe für ihr Scheitern, in ihren Augen, entweder bei sich, bei anderen oder den Umständen zu suchen. Das Spektrum reicht hier von einer sympathischen Bescheidenheit bis zu quälenden Selbstzweifeln. Es gibt auch eine Art von falscher Bescheidenheit, die den Leser für sich einnehmen möchte.

Welche Perspektive auf das eigene Leben möchten Sie vermitteln?

Auswahl

Da niemals das ganze Leben erzählt werden kann, ist die Auswahl der Episoden und Themen charakteristisch für jeden Autor/jede Autorin. Es ist interessant, sich zu fragen, welche Teile des Lebens jeweils erzählt, welche ausgelassen werden, und welche Absicht dahinterstecken mag. Wieviel Freiraum soll dem Leser bleiben, seine eigene Fantasie einzusetzen und sich bestimmte Situationen weiter auszumalen? Wird etwas absichtlich verschwiegen oder versteckt?

Welche Auswahl würden Sie treffen?

Ehrlichkeit

Wer eine Autobiografie liest, erwartet, dass der Autor/die Autorin das aufgeschrieben hat, was er/sie tatsächlich erlebt zu haben glaubt. Der Literaturwissenschaftler Philippe Lejeune nennt das den »autobiografischen Pakt«:

Damit es überhaupt eine Autobiografie geben kann, muss der Autor mit seinen Lesern einen Pakt, einen Vertrag eingehen, in dem er verspricht, sein Leben, und nichts als sein Leben, in allen Einzelheiten zu erzählen.

Allerdings muss jede Autobiografie sprachlich und literarisch gestaltet werden. Zum Beispiel ist jedem Leser klar, dass auch ein  sehr wichtiger Wortwechsel zwischen Ehepartnern nach 30 Jahren nicht mehr wortgetreu erinnert werden kann. Darum bleibt offen, was im Einzelnen als Unehrlichkeit angesehen werden muss, und was als künstlerische Gestaltung einer (inneren) Wahrheit gelten kann. Gerade in jüngerer Zeit wurden viele romanhafte Autobiografien und autobiografische Romane geschrieben, die gleichsam auf eine andere Art von Ehrlichkeit setzen und zugleich auf die Kenntnis ihrer Leser, das Gemeinte zu verstehen und literarisch einzuordnen.

Autobiografien und andere Arten von Selbst-Darstellungen

Sehr viele Arten von Büchern und Texten erzählen vom Leben der Autorin oder des Autors und sind daher autobiografisch, aber nicht alle sind Autobiografien.

  • »Lebenserinnerungen« oder kurz »Erinnerungen« können alle Arten von autobiografischen Texten genannt werden. Anders als bei einer Autobiografie erwartet man hier keine Beschreibung des ganzen Lebens, sondern eher eine Beschränkung auf einzelne Themen oder Lebensabschnitte.
  • In „Memoiren“  (im engeren Sinn) werden wichtige Ereignisse erzählt, die der Autor/die Autorin und Hauptfigur erlebt hat, doch nicht im Hinblick auf die Entwicklung des eigenen Selbst, sondern als Zeitzeuge.  Politiker-Erinnerungen sind oft Memoiren. Als solche tragen sie häufig Züge der nachträglichen Rechtfertigung von Entscheidungen. (In einem weiteren Sinn werden oftmals auch Autobiografien oder andere Erinnerungs-Texte als Memoiren bezeichnet.)
  • Unter einem „Memoir“ versteht man vor allem in der Verlagsbranche einen Erinnerungstext, der eine bestimmte Erfahrung pointiert in den Mittelpunkt stellt, zum Beispiel eine Krankheit oder eine bestimmte gesellschaftliche Stellung, etwa als Flüchtlingskind. Diese Erfahrung bildet dann, nicht die Persönlichkeit als Ganze, den Anknüpfungspunkt für die Identifikation und das Interesse des Lesers.
  • Autobiografische Essays sind thematische Texte, die bestimmte Themen im Ausgang von eigenen Erfahrungen entwickeln. Dabei kann es sich um politische, künstlerisch-ästhetische, weltanschauliche oder andere Themen handeln. Da die meisten unserer Ansichten und Überzeugungen biografische Wurzeln haben, helfen autobiografische Essays oft sehr, wenn es um die Klarheit und Transparenz dessen geht, wofür ein Mensch einsteht.
  • Sehr viele Textarten entstanden ursprünglich im persönlichen Rahmen und wurden erst später — künstlerisch verfeinert oder »roh« — zu selbstständigen Gattungen erhoben. Dazu zählen vor allem Briefe und Tagebücher.

Über Varianten des autobiografischen Erzählens habe ich an anderer Stelle ausführlicher geschrieben, zum Beispiel in meinen Rezensionen von Hanns-Josef Ortheils und  Günter Waldmanns Büchern.

Ghostwriting und Autorenschaft

Ein besonderer Fall autobiografischer Arbeit liegt vor, wenn der jeweilige Autor/die Autorin seine Lebensgeschichte nicht selbst schreibt, sondern erzählt (Interviews) und/oder Dokumente übergibt, und das Schreiben einem Ghostwriter überlässt (der heutzutage  in der Regel nicht mehr geheimgehalten wird). Obwohl ein Ghostwriter nicht sein eigenes Leben beschreibt, bleibt es eine Autobiografie. Denn als Autor muss gelten, wer letztlich die Kontrolle über den Inhalt des Buches behält. Das ist nicht der  Ghostwriter, sondern der Erzähler/die Erzählerin, das heißt der oder die Interviewte und Auftraggeber/in. Der Ghostwriter stellt lediglich sein schriftstellerisches Handwerk zur Verfügung. Darum nennt die Firma Rohnstock-Biografien ihre Autoren auch nicht Biografen, sondern »Autobiografiker«.

(Wenn ich dagegen in Er-Form über ein Leben schreibe und selbst als Autor auftrete, entstehen Biografien. Dann arbeite ich als Biograf.)

Mehr über meine Arbeit als Autobiografie-Ghostwriter finden Sie hier und hier.