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Das Puzzle der Erinnerung

Puzzle

Die einzelnen Teile unserer Erinnerung sind nicht chronologisch geordnet. Bei manchen Geschichten kommt es jedoch darauf an, den Ablauf der Ereignisse minutiös darzustellen. Sonst verliert sich die Glaubwürdigkeit im Vagen.

Gerade schreibe ich eine solche Geschichte, und ich finde es faszinierend, wie sich die Puzzleteile manchmal erst auf dem Papier zusammen fügen. Das geht so: Ich schreibe eine erste Version, nach dem gesprochenen Wort, und füge Fragen ein, wo mir der Zusammenhang nicht ganz einleuchtet oder wo ich Ergänzungen erwarte. Diese Lücken füllt der Erzähler aber oft nicht einfach auf. Vielmehr wird bei der Durchsicht klar, dass meine Rekonstruktion der Ereignisse nicht dem entspricht, was der Erzähler im Sinn hatte. Aus dem Gesagten und wortwörtlich Niedergeschriebenen habe ich Schlüsse gezogen, die eine sinnvolle Geschichte ergeben. Nur eben nicht die wahre.

Jetzt muss neu geordnet werden, chronologisch und sachlich. Einerseits ärgerlich, denn das Ordnen braucht Zeit und Geduld. Andererseits wunderbar, denn ohne meine falsche Hypothese über den Ablauf der Dinge wäre es zu keiner Präzisierung gekommen. Auch der Erzähler wäre bei einer irreführenden Version geblieben, die sich allmählich verfestigt hätte. Meine Fragen – und vor allem die Formulierung der Geschichte – ermöglichte es dem Erzähler also, das eigene Leben präziser zu fassen und zu verstehen.

Und auch das kommt vor: Beim Nachdenken über das Erzählte, ziehe ich Schlüsse, die sich als sachlich richtig erweisen. Ich fülle die Lücken, nicht aus der Erinnerung (die mir nicht zur Verfügung steht), sondern aus dem Denken (das für uns alle gemeinsam möglich ist und auf gemeinsamen Erfahrungen basiert). So lassen sich, in der Zusammenarbeit zwischen dem Erzähler und dem Biografen, die Funktionen und Elemente trennen, die im mündlichen Erzählen stets zusammenfließen: das eigentliche Erinnern und das Konstruieren einer Geschichte, die lebendigen Bilder und die Logik einer Handlung.

Wer seine Lebensgeschichte aufschreiben lässt, lässt sich darauf ein, das Puzzle der Erinnerung mit mir gemeinsam zu spielen. Das ist für beide Seiten spannend und überraschend, manchmal auch lustig – und gelegentlich ganz schön tiefsinnig.

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