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Genogramme im biografischen Schreiben

In der letzten Woche nahm ich am Seminar „Von der Ahnenforschung zur Identitätsfindung“ der systemischen Therapeutin Ulrike Trompetter teil, die mir Sinn und Nutzen von Genogrammen näherbrachte. Ich stelle sie hier vor, weil sich Genogramme auch gut im biografischen Schreiben einsetzen lassen, vor allem zur Vorbereitung und wenn es um größere Projekte geht.

Sabines Eltern leben getrennt, Manfred nun zusammen mit der viel jüngeren Eva. Ihre Mutter hatte eine Fehlgeburt. Nach einem Bruch mit ihrem Vater haben beide den Kontakt nun wieder aufgenommen, doch zu ihren Brüdern hat Sabine nur ein distanziertes Verhältnis. Manfred, seine Söhne und Sabines Ehepartner Gernot sind Raucher. All das und mehr lässt sich diesem Genogramm entnehmen.

Von der Familie geprägt

Nicht erst seit Freud und der Entwicklung der modernen Psychologie wissen wir, wie sehr wir von der Familie geprägt wurden, in die wir geboren und in der wir aufgewachsen sind. Ob vererbt oder anerzogen: Für vieles, was uns ausmacht, finden wir Spuren in der Familiengeschichte – sodass die Erzählung unseres Lebens, unsere Biografie früher beginnt, als die eigene Erinnerung reicht. Wer sein Leben beschreibt, fängt daher oft mit der eigenen Geburt an oder mit dem Leben der Eltern. Manche tasten sich auch, am Stammbaum entlang, bis zu der Grenze vor, hinter der sich alle Spuren im Nebel der Vergangenheit verlieren.

Auf die Auswahl kommt es an

Wie überall beim biografischen Schreiben, kommt es auch in dieser Hinsicht darauf an, das bloß Interessante vom Wesentlichen zu unterscheiden. Nicht jede Biografie muss die vollständige Ahnentafel enthalten. Eine Aufzählung der Vorfahren bis ins fünfte Glied kann für den Leser schnell langweilig werden. Denn der interessiert sich in erster Linie für den Autor oder die Autorin der Selbstbeschreibung – für seine Herkunft nur insoweit, als sie erklärt, wie aus ihr gerade dieser Mensch geworden ist, um den es geht. Ein Großvater, eine Tante kann einen entscheidenden Einfluss gehabt haben – Reiselust geweckt, einen Beruf vorgeschlagen, Musikalität vererbt –, oder kaum aufgefallen sein, ein bloßes Detail auf einer Fotografie. Es kommt auf die Erfahrungen und den Blickwinkel der Autorin oder des Autors an – und das ist nicht unbedingt dasselbe wie seine/ihre bewusste Erinnerung.

Ein Genogramm dient dazu, sich einen Überblick über die eigene Familiengeschichte zu verschaffen, sodass man die wesentlichen Geschichten erzählen kann. Mitunter entdeckt man sie erst.

Was ist ein Genogramm?

Ein Genogramm (von „Genese“=„Geburt/Entstehung“ und „Diagramm“) ist ein Stammbaum, der mittels Piktogrammen (grafischen Symbolen) angereichert ist. Aus Wikipedia stammt diese Darstellung:

Einige Genogrammsymbole

Von ElTom – de:Bild:800px-Genogram-symbols.png, GFDL, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3154199

 

Ein Herkunfts-Diagramm, das sich solcher Symbole bedient, enthält mehr als die Namen und Daten der Vorfahren und ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen. Krankheiten (physisch, psychisch) und Todesursachen können eingezeichnet werden, Fehlgeburten, Adoptionen, Trennungen, sonstige Partner, persönliche Eigenheiten, Berufe und Hobbys, und die Qualität der vielfältigen Beziehungen innerhalb der Familie. Die Liste der Symbole lässt sich individuell erweitern.

Das obige Beispiel zeigt nur ein kleines Genogramm oder einen Ausschnitt, beschränkt auf zwei Generationen. Wer einen größeren Teil der Familiengeschichte erfassen möchte, braucht Geduld. Meistens reicht das eigene Gedächtnis dafür nicht aus, man muss Familienbücher konsultieren, Dokumente und die Verwandtschaft befragen.

Genogramme in der Psychologie

Genau hier liegen die Chancen eines Genogramms: Indem man es erstellt, wird man über das hinausgeführt, was einem ohnehin von der Familiengeschichte präsent und bewusst ist. Die Systematik (und vielleicht die Fragen eines Experten, der bei der Erstellung hilft) erschließt Zusammenhänge, an die man nicht dachte, die vergessen (oder verdrängt) wurden. Zum Beispiel eine Fehlgeburt der Mutter, oder dass der Großvater den Vater stets links liegen ließ.

Wer nach einer Ursache für ein gegenwärtiges seelisches Problem sucht, kann hier einen Ausgangspunkt finden. Denn am fertigen Genogramm lassen sich unter Umständen Muster erkennen, die aus der Perspektive des Patienten „Sinn ergeben“. So gewinnt man Hypothesen über Krankheitsursachen, die im weiteren Verlauf der systemischen Therapie verfolgt werden können. Ziel ist es, sich von unerwünschten Einflüssen der Familiengeschichte zu befreien und die Wiederholung eines Unglücks zu vermeiden.

Genogramme im biografischen Schreiben

Während des Genogramm-Seminars fühlte ich mich an die Stammbäume und Formulare erinnert, die ich meistens zu Beginn eines neuen Buchprojekts einsetze. Ich verwende sie schlicht, um Namen und Daten der Familiengeschichte präsent zu haben (und gleich auch die Schreibung), bevor ich ein Interview führe (zu meiner Arbeitsweise finden Sie hier mehr). So muss ich seltener nachhaken.

Ein Genogramm kann mir (und jedem, der biografisch schreibt) darüber hinaus wichtige Themen, Beziehungen und Konflikte vor Augen führen, die in der Familie des Erzählers eine Rolle spielen. Wird man sich dieser „Familienmuster“ bewusst, fällt es leichter, Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden (Man denke an Christa Wolf und ihren autobiografischen Roman „Kindheitsmuster“).

Wer das biografische Schreiben nutzt, um sich selbst und seinem Leben auf die Spur zu kommen, findet in der Methode des Genogramms eine wichtige Vorstufe und Erkenntnishilfe. Wer stärker ergebnisorientiert schreibt und das Projekt einer Autobiografie verfolgt, dem kann das Genogramm helfen, um den Überblick nicht zu verlieren und eine sinnvolle Gliederung zu finden, vor allem für die ersten Kapitel der Kindheit und Jugend.

Wer mehr wissen will …

… liest bei Monica McGoldrick nach, der Pionierin auf diesem Gebiet:

  • Monica McGoldrick und Randy Gerson: Genogramme in der Familienberatung, 3. überarb. Auflage, Bern 2009.


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Das Puzzle der Erinnerung

Puzzle

Die einzelnen Teile unserer Erinnerung sind nicht chronologisch geordnet. Bei manchen Geschichten kommt es jedoch darauf an, den Ablauf der Ereignisse minutiös darzustellen. Sonst verliert sich die Glaubwürdigkeit im Vagen.

Gerade schreibe ich eine solche Geschichte, und ich finde es faszinierend, wie sich die Puzzleteile manchmal erst auf dem Papier zusammen fügen. Das geht so: Ich schreibe eine erste Version, nach dem gesprochenen Wort, und füge Fragen ein, wo mir der Zusammenhang nicht ganz einleuchtet oder wo ich Ergänzungen erwarte. Diese Lücken füllt der Erzähler aber oft nicht einfach auf. Vielmehr wird bei der Durchsicht klar, dass meine Rekonstruktion der Ereignisse nicht dem entspricht, was der Erzähler im Sinn hatte. Aus dem Gesagten und wortwörtlich Niedergeschriebenen habe ich Schlüsse gezogen, die eine sinnvolle Geschichte ergeben. Nur eben nicht die wahre.

Jetzt muss neu geordnet werden, chronologisch und sachlich. Einerseits ärgerlich, denn das Ordnen braucht Zeit und Geduld. Andererseits wunderbar, denn ohne meine falsche Hypothese über den Ablauf der Dinge wäre es zu keiner Präzisierung gekommen. Auch der Erzähler wäre bei einer irreführenden Version geblieben, die sich allmählich verfestigt hätte. Meine Fragen – und vor allem die Formulierung der Geschichte – ermöglichte es dem Erzähler also, das eigene Leben präziser zu fassen und zu verstehen.

Und auch das kommt vor: Beim Nachdenken über das Erzählte, ziehe ich Schlüsse, die sich als sachlich richtig erweisen. Ich fülle die Lücken, nicht aus der Erinnerung (die mir nicht zur Verfügung steht), sondern aus dem Denken (das für uns alle gemeinsam möglich ist und auf gemeinsamen Erfahrungen basiert). So lassen sich, in der Zusammenarbeit zwischen dem Erzähler und dem Biografen, die Funktionen und Elemente trennen, die im mündlichen Erzählen stets zusammenfließen: das eigentliche Erinnern und das Konstruieren einer Geschichte, die lebendigen Bilder und die Logik einer Handlung.

Wer seine Lebensgeschichte aufschreiben lässt, lässt sich darauf ein, das Puzzle der Erinnerung mit mir gemeinsam zu spielen. Das ist für beide Seiten spannend und überraschend, manchmal auch lustig – und gelegentlich ganz schön tiefsinnig.



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Die wohltuende Wirkung der Erinnerung

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